18 Schülerinnen und Schüler der Q11 reisten am 2. Dezember 2018 auf Einladung der Europäischen Akademie Bayern in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung nach Straßburg, sozusagen in das „Herz“ der EU. Dass die Stadt im Elsaß aber nicht nur als „Hauptstadt“ Europas, sondern auch als „Capitale de Noel“, Weihnachtshauptstadt, bekannt ist, zeigte sich der Gruppe gleich bei der Stadtführung am ersten Abend, bei der man in ein Lichtermeer aus weihnachtlicher Dekoration eintauchte. Die zahlreichen Weihnachtsstände, die sich über das gesamte Stadtzentrum erstrecken, zählen zu den schönsten der Welt und hinterließen auch bei den Besuchern aus Kelheim tiefen Eindruck.
Nicht weniger faszinierend war am nächsten Tag der Besuch des Europaviertels und die Besichtigung des Europaparlaments. Zwar war das Gebäude in der sitzungsfreien Woche überwiegend leer, weil die Abgeordneten des Europäischen Parlaments nur eine Woche im Monat in Straßburg tagen – in den übrigen Wochen arbeiten die Parlamentarier in Brüssel oder in den jeweiligen Wahlkreisen. Nichtsdestotrotz konnten die Schülerinnen und Schüler in einer fast zweistündigen Führung und einer faszinierenden 360 Grad-Projektion einen Einblick in die Arbeitsweise des Europaparlaments gewinnen. Die Besichtigung des Plenarsaals bildete schließlich den Höhepunkt der Besichtigung. Der Blick auf die nahezu 800 mit Mikrofonen und Kopfhörern ausgestatteten Sitze im Saal und die 24 Übersetzerkabinen, in welchen für alle 28 Nationen Simultanübersetzungen in die jeweilige Landessprache stattfinden, ließen den enormen bürokratischen Aufwand, aber auch das notwendige Wissen, das für die Versammlung notwendig ist, erahnen. Dass sich die Sitzordnung nicht nach Nationen, sondern nach der politischen Fraktion richtet, machte die europäische Idee spürbar.
Nicht weniger beeindruckend war am Nachmittag dann der Besuch des Europarats, einer Institution, die bereits 1949 gegründet wurde und eine von der EU unabhängige Organisation darstellt. Auch hier ist der Geist Europas schon beim Betreten des Gebäudes zu spüren, vor dem Flaggen aller 47 Nationen angebracht sind. Auch die Architektur des Plenarsaals, dessen Kuppel von zwölf Holzsäulen getragen wird, soll an die Symbolik Europas mit den 12 Sternen erinnern. Gemeinsam mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte setzt sich der Europarat vorwiegend für die Einhaltung eben dieser Rechte ein und gilt deshalb als äußerst wichtige Institution für die Menschen Europas.
Der nächste Tag des Aufenthalts stand ganz im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft. Wie eng die Beziehung der beiden Nationen zueinander ist, konnten die Schülerinnen und Schüler jeden Tag des Aufenthalts erleben, wenn sie mit der Straßenbahn vom Hotel, das in Kehl in Deutschland lag, über die Rheinbrücke nach Frankreich fuhren. Unmittelbar vor der Grenze liegt auch das Revier „Kehl“ der Bundespolizei, das die Kelheimer besuchten. Eindrucksvoll schilderte ein Bundespolizist, wie deutsche und französische Polizisten täglich Hand in Hand arbeiten. In deutscher und französischer Sprache arbeiten Beamte aus beiden Ländern in einer gemeinsamen Software, um die Sicherheit im Grenzgebiet zu gewährleisten. Die Zusammenarbeit der Institutionen in diesem Bereich ist damit ein glänzendes Beispiel für die Erfolge der deutsch-französischen Freundschaft. Dass diese nicht hoch genug einzuschätzen ist, sollte der Blick auf die wechselvolle Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verdeutlichen. Die Festung „Kaiser Wilhelm II.“ in Mutzig stand deshalb als nächster Punkt auf dem Programm. Diese wurde Ende des 19. Jahrhunderts westlich von Straßburg errichtet, um die von den Deutschen nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 annektierten Gebiete links des Rheins, insbesondere die strategisch wichtige Stadt Straßburg, zu sichern.
Auf einem Areal von 254 Hektar wurde eine riesige Bunkeranlage errichtet, die Platz für ca. 7000 Soldaten bot. Der Gang durch die weitläufigen unterirdischen Gänge ließ erahnen, unter welch harten Bedingungen sich die Soldaten hier auf einen französischen Angriff vorbereiteten.
Ein Verein mit zahlreichen Mitgliedern aus Frankreich und Deutschland versucht nun seit einigen Jahren, die Festung durch aufwändige Restaurationsarbeiten der Nachwelt weiterhin zu erhalten, um mit Blick auf die Erbfeindschaft die herausragende Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft für die Nachwelt sichtbar zu machen.
Den Abschluss der Reise bildete schließlich ein Besuch des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe. In Karlsruhe werden jährlich tausende von Verfassungsbeschwerden von Bürgern bearbeitet, um den Rechtsstaat zu sichern, weshalb das Gericht zu Recht als „Hüterin der Verfassung“ bezeichnet wird. Nur wenige Verfahren werden dabei mündlich im Plenarsaal verhandelt, den die Schülerinnen und Schüler besichtigen konnten und dabei symbolisch ein Grundgesetz überreicht bekamen. Deutlich mehr Anträge werden in einem sehr gewissenhaften Verfahren sozusagen „am Schreibtisch“ entschieden, wobei jeder Bürger zu jedem Zeitpunkt das Recht hat, sich an das Verfassungsgericht zu wenden, wenn er die Wahrung seiner Grundrechte gefährdet sieht – dies ist leider mit Blick auf andere Länder der Welt keine Selbstverständlichkeit. Die Richterin beendete deshalb die sehr informative Führung auch mit dem eindrücklichen Appell: „Wir leben in einem Rechtsstaat, um den uns sehr viele Nationen beneiden! Denkt immer daran!“
Mit dem Abschied aus Karlsruhe begann auch die Heimreise. Alle, Schüler wie Lehrer, blickten auf ein äußerst abwechslungsreiches und informatives Programm zurück, das zahlreiche Perspektiven auf Deutschland, auf die deutsch-französische Freundschaft und den europäischen Gedanken ermöglichte und Politik und Geschichte erfahrbar machte.
(Artikel: Kufner; Fotos: Urbansky)